HERZENSBRECHKLEBER

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Der Herr Titus hat neulich wieder ein gutes Werk getan. Aktiv und passiv. Und das kam so: In unserer Siedlung wohnt ein betagter Herr, Typ Gentleman der Alten Schule. Großgewachsen, sonore Stimme, vornehme Ausdrucksweise, leicht gebeugte Körperhaltung und sehr schlecht zu Fuß. Ich mag den Mann. Er ist stets freundlich, und man kann bei genauem Hinsehen immer noch den Jungen in seinen Augen sehen, der er vor vielen Jahrzehnten einmal war.

Herr Titus mag ihn auch. Und zeigt es ihm mit der speziellen Rücksichtnahme, die Labis so haben können. Das Ritual der seltenen Begegnungen ist immer gleich: Wir sehen den Nachbarn von etwas weiter entfernt, er erblickt uns ebenfalls, dreht sich sogleich zu seinem Postkasten oder der Garagentüre um, und hantiert dort alibimäßig herum. Um dann waaahnsinnig überrascht zu sein, wenn der Herr Titus vor ihm auftaucht. Der Hund spürt, dass der Nachbar so schlecht zu Fuß ist und instabil steht. Folgerichtig läuft er zwar heftig wedelnd zu ihm hin, wird aber dann immer langsamer und nähert sich zuletzt in sanftem Bogen, mit leicht gesenktem Kopf und bleibt schließlich quer vor dem Mann stehen.

Die folgenden Streichel-, Knuffel- und Klopfeinheiten nimmt er huldvoll entgegen, und schaut dabei die ganze Zeit mit seinen treuen braunen Augen zu mir herüber; als würde er um Verständnis für eine nötige Dienstleistung heischen. Während der Liebesbekundungen erzählt uns der alte Sir immer die gleiche Geschichte. Nämlich dass sein letzter Hund auch ein Labrador war, der vierzehn wurde. Dass er ihn begraben hat im Garten. Dass er nicht vergessen hat, wie es sich anfühlt, einen Labi anzufassen. Dass er aber wieder vergessen hat, wie mein Hund heißt… 🙂

Diesmal fügte er etwas hinzu. „Ich hätte mir wieder einen Hund nehmen sollen. Aber es war halt schlimm, wie er gestorben ist, und ich war nicht gleich bereit für einen anderen“, erzählte der Nachbar. „Kaum war mein Hund nicht mehr da, bin ich faul geworden. Und immer weniger zu Fuß rausgegangen. Und jetzt sind meine Knie so viel schlechter geworden. Hören Sie bloß nie auf, Hunde zu haben!“

Ich sah, wie berührt er immer noch vom Tod seines Hundes war. Fast gewaltsam löste er sich von der Streicheltätigkeit, verabschiedete sich kurz und hinkte in seinen Garten. Herr Titus und ich sahen ihm nach, bis das Gartentor geschlossen war, dann trollten wir uns in den Wald.

Vor der Abendrunde packte ich ein „Der Herr Titus“ Buch in ein Kuvert und schrieb darauf: „… hilft gegen Knieschmerzen“. Dann schnappte ich mir Herrn Titus und wir warfen es in den Postkasten des alten Nachbarn. Zwei Tage später stand seine rundliche Ehefrau im Garten und sammelte das Herbstlaub auf, als wir vom Walk retour gingen. Als sie uns sah, kam sie ein Stück näher und sagte: „Sie haben uns so eine große Freude gemacht. Mein Mann war komplett aus dem Häuschen!“

„Das freut mich“, antwortete ich. Sie wollte noch etwas hinzufügen, aber die Rührung ließ ihr die Stimme versagen. Und als sie Herrn Titus sah, der, seine Leine im Maul tragend, neugierig durch den Holzzaun lugte, war es ihr endgültig zu viel, sie drehte sich um und lief schnell ins Haus zurück.

Mein Blick fiel auf ein erleuchtetes Erdgeschoßfenster neben der Türe. Da konnte ich den alten Herrn sehen. Er saß unter einer Lampe, eine Lesebrille auf der Nase und blickte konzentriert nach unten, ein Lächeln im Gesicht. Vielleicht las er in unserem Buch. Oder er sah sich Fotos von seinem eigenen Hund an. Ich blickte zu Herrn Titus hinunter. „Alles richtig gemacht, mein Junge“, murmelte ich und wir gingen zufrieden nach Hause. Labradortherapie hat eben Erfolgsgarantie. 🐾🙂🖤