HUNDEKENNER

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Der Herr Titus und ich haben immer wieder erbauliche Begegnungen mit einer ganz besonderen Spezies – den Hundekennern. Welcher Hundehalter kann dieses Lied nicht mitsingen. Ob beim Spazierengehen im Wald, bei der Lackerlrunde in der Stadt, dem Warten bei einem Fußübergang, in Büros und bei Besuchen – die Spezialisten in Sachen Hundekunde lauern an jeder Ecke.

Immerhin: Man kann ihnen nicht vorwerfen, dass sie mit ihren Erkenntnissen hinterm Hundehaufen halten würden. Im Gegenteil: Ungefragt und unaufgefordert lassen sie einen teilhaben an den unendlichen Weiten ihres Wissensstandes.

Auch kürzlich wieder hatten wir ein Aha-Erlebnis, wir waren gerade auf Kundenbesuch in einem Büro. Ich unterhielt mich mit der Assistentin, die mir Bilder ihrer Hunde auf dem Handy zeigte, als sich ein dynamischer junger Mann zu uns gesellte. Dem Dialekt nach bäuerliche Wurzeln, roter Teint, Typ sympathischer Checker, voll im „lasst-mich-vor-was-kann-ich-tun“-Modus. „Meine Eltern haben auch immer Hunde g´hobt.“, steuerte er im Schnellsprech nach 5 Sekunden Zappelwartens zum Gespräch bei. „Und meine neue Freundin hat auch einen“, fügte er hinzu.

„Was denn für einen?“, fragte seine Kollegin interessiert. „So einen kleinen“, antwortete Red Dynamo, zeigte etwa Schuhschachtelgröße und meinte: „So einen Chinchilla.“ Kurz hielt die Matrix die Zeitschleife an. Ich sah, wie die Assistentin die Stirn kraus zog und ihre Mundwinkel verdächtig zuckten.

„Einen Chinchilla? Du meinst einen Chihuahua!“ „Nein“, sagte der Junior-Macher selbstsicher. „Des is a Chinchilla. Den gibt´s a. Des san so klane Hund“ und schon war der junge Held im nächsten Raum, um irgendwo die Bürowelt zu retten. Die Sekretärin und ich blickten ihm schmunzelnd nach. „Na, wieder was gelernt“ sagte ich zu meinem Buben und gab das Zeichen zum Abmarsch. Schauplatzwechsel.

Zwei Tage später auf einer großen Wiese. Während Herr Titus begeistert einem von mir geworfenen Ball nachjagte, den er kurz zuvor gebraucht irgendwo im tiefen Gras erworben hatte, näherte sich uns eine illustre Gruppe. Eine laut mit Ungarn-Akzent sprechende dürre Dame mit grellrot gefärbtem Kopfhaar (statt einem Schminkkoffer verwendete sie offensichtlich ein Kriegsbemalungs-Set), begleitet von einem stirnglatzigen Mann, der schnaufend seinen Bierbauch (letzterer war sicher nicht billig gewesen, den Ausmaßen nach zu schließen) durch das Gelände schob.

Dem Paar folgten zwei jugendliche Rundrücken-Handyzombies, die alle paar Schritte über eine Grasnabe stolperten, weil sie sich nicht von den Displays lösen konnten. Etwas abseits der Gruppe wobbelte ein sehr gut genährter Mops etwas indifferent dahin; es wirkte fast, als wollte er nicht so richtig zum Rudel dazu gehören; die Flexileine in Bierbauchs rechter Hand reichte jedoch für Sippenhaftung.

Herr Titus zog eine scharfe Steilkurve mit dem eben gefangenen Ball, checkte im Vorbeigaloppieren den kleinen Dickmann, speicherte ihn unter „Uninteressant“ ab und kehrte dann zu mir zurück. „So scheene Hund“, meinte die Dame laut, aber zu niemand bestimmten. „Scheene. Und so scheen schlank.“

Das wiederum war eindeutig auf ihre Begleitung gezielt. Ihr Galan blieb stehen, kratzte sich am Bauch, betrachtete meinen Hund und konstatierte dann im überzeugten Brustton: „Eh klar, des is a Vizsla. Und a Weiberl. Die san nun mal schlanke Hund.“

Ich warf irritiert einen schnellen Blick auf das muskulöse Hintergestell von Herrn Titus, der fröhlich hechelnd neben mir dahintrabte. Ja, sie waren noch da, wo sie hingehörten, die Kronjuwelen; alle beide. Prall, haarig, unübersehbar.

Während die österreich-ungarische Delegation fachsimpelnd mit ihrem Rollmops weiterzog, hob ich die Hand mit dem Ball und ließ Herrn Titus erwartungsvoll vibrierend auf den Run warten. „Wieder was gelernt“, sagte ich zu meinem Buben. „Und jetzt ab, du Vizslabi!“🐾😉