MEDICUS

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Der Herr Titus hat sehr feine Sensoren. Das hat er dieser Tage wieder extrem unter Beweis gestellt, als ich plötzlich wegen einem akuten Gesundheitsproblem als aktiver Rudelführer für ein paar Tage ausfiel…

Ich bin ja jetzt nicht gerade der mimosige Hypochondertyp, schon eher der Schrecken der Schulmediziner, der mit Mentalkraft und Hausmitteln medizinische Behandlungen ewig aufschiebt, aber manchmal ist irgendwann doch das Ende des Labistockistange erreicht.

Und so war mir unlängst schon am frühen Morgen klar, dass ich diese Schmerzen wohl nicht mehr lange aushalten kann.
Ich blieb zunächst im Bett, statt mich wie üblich für unsere Morgentour in den Wald fertig zu machen. Der Herr Titus blieb ebenfalls neben dem Bett liegen, zeigte mir dann später an, dass er mal musste.

Ich öffnete die Terrassentüre, er schlüpfte hinaus in den Garten. Ich beobachtete ihn, wie er seine Morgeninspektionsrunde ums Haus drehte und an den wichtigen Stellen markierte. Als er soweit alles in dienstliche Ordnung gebracht hatte, kam er schnurstracks wieder zur Tür und folgte mir in meine Aufbahrungshalle, wo wir ein paar Stunden in vollkommener Stille ruhend verbrachten.

Wenn man bedenkt, dass wir um diese Zeit normalerweise längst eine 1,5 stündige Adventuretour mit Leckerlisuchrallye, Sumpfdurchquerungen und anschließender Fütterung hinter uns haben, war das schon extrem erstaunlich, wie entspannt und ruhig der Herr Titus mir Gesellschaft leistete.

Ich führte gegen Mittag ein paar Telefonate, um meine Behandlung zu organisieren. Aufgrund der lustigen Coronazeit würde das Ganze noch bis zum nächsten Tag dauern. Das hieß also Durchhalteprogramm. Ich fütterte den Hund und wir legten uns wieder flach. Gegen 16 Uhr (!)kam eine alarmierte Freundin von uns vorbei, die sich gerne die Zeit nahm, mit dem Buben eine ordentliche Runde zu drehen. Bei der Rückkehr berichtete sie, dass er „extrem brav“ war – auch an der Leine und bei Wildsichtung. Kaum zurück legte sich der große kleine Kerl wieder zu mir.

Am Abend verschlimmerte sich mein Zustand. Ich muss das wohl ausgestrahlt haben. Irgendwann stand Herr Titus am Fußende meines Siechenlagers und sah mir eindringlich in die Augen. Ich verstand. „Hopp rauf“, gab ich die Erlaubnis. Herr Titus kam hoch, stieg übervorsichtig über meine Beine unter der Decke und tapste dann vorsichtig einmal mit der rechten, dann der linken Pfote auf mein Knie.
Ich kraulte ihn und ermutigte ihn durch einen Fingerzeig, näher zu kommen. Er machte sich ganz klein, robbte heran und legte sich dann mir gegenüber, stützte mit seinen Pfoten meinen Brustkorb, und schloss fast sofort die Augen. So lagen wir dann, über 15 Minuten. Ich hätte heulen können, so bewegend war diese Aktion meines notorischen Grobmotorikers.

Ich wagte mich kaum zu bewegen. Den Buben so dicht bei mir schlafend zu haben, die rauen Ballen sanft, aber doch sicher, wie zur Erdung, an mir abgestützt, beruhigte mich total; sogar die Schmerzen waren eine Zeitlang kaum zu spüren. Irgendwann stand er auf und trollte sich wieder in sein Nest, wo er sich seufzend niederließ.

Die extrem berührende Geste hatte ich noch vor den Augen und im Herzen, als ich am nächsten Tag zur OP musste. Herr Titus wurde frühmorgens bei Frau Frieda geparkt, er sah mir lange nach, als ich mich voll der körperlichen – und der Trennungs-Schmerzen verabschiedete.

Später erfuhr ich, dass er sich den ganzen Tag lang entspannt, wenn auch leicht distanziert verhalten hatte. Um die Zeit, wo ich gerade am OP Tisch lag, wurde er ruhelos.

Als ich mich dann per Whapp-Nachricht kurz bei der Hundesitterin von der Narkosereise zurückmeldete, entspannte sich auch Herr Titus, drückte sein Kopferl in ihre Kniekehle und ließ sich ausgiebig Kuscheln. „Unglaublich, wie verbunden ihr beide seid“, schrieb die Titusbeauftragte an mich.

Mit dieser wunderschönen Bestätigung im Ohr und der Seele schlief ich im KH meine Narkosefolgen aus, das Wiedersehen mit meinem Herrn Titus herbeisehnend.
Ich habe keine Berichte darüber, aber möglicherweise habe ich ja mit dieser Vorstellung die ganze Nacht durchgelächelt. 🖤🐾🥰