SCHULD UND BÜHNE

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Der Herr Titus kommt ja generell überall hin mit mir mit. Ausnahme: Eigentlich nur die Bandprobe (zu laut) und ab und zu Termine, wo er wirklich im Auto bleiben müsste (zu heiß). Da lasse ich ihn doch lieber im Garten (angenehm) … nun ja, zurück. Zumindest wird mir das „Zurücklassen“ meeehr als deutlich signalisiert. Und zwar in der Reihenfolge Anklage, Opferhaltung und Fegefeuer.

Der Vorgang im Detail: Herr Titus sieht mir zu, wie ich die Gitarre schultere und zur Gartentüre gehe. Er schnappt sich ein Spielzeug und hüpft ein paar Schritte, übertrieben enthusiastisch mit fliegenden Ohren, vor mir her („Wir spielen/ gehen spazieren, juhu“-Modus). Dann wird er betont langsamer, bleibt stehen und setzt sich oben am Absatz der Gartentreppe hin. Ich schließe das Gartentor hinter mir, drehe mich um.

Da sitzt er nun. Ölgötzen-Haltung: Sehr aufrecht, Kopf erhoben, ausdrucksloses Gesicht, die tödliche „Soso, du gehst also. Ohne mich“-Anklage bereits in den Augen. Ich rufe ein halbherziges „Bin bald da“ über den Zaun, das ungehört und ungerührt verhallt. Ich gehe weiter zum Auto, schaue wieder zum Ankläger. Sein Blick folgt mir unverwandt. Er kippt seinen Körper lediglich leicht nach rechts, damit er mir besser anklagend um ein Gebüsch herum nachschauen kann. Ich verstaue das Instrument, schaue über das Autodach zu ihm.

Herr Titus, begnadeter Dramadarsteller vor dem Herrn, hat inzwischen auf Opfer gewechselt. Seine Augen brennen ihren braunen Laserstrahl mitten in mein Herz. Ich steige ein, starte, schaue zu ihm. Er schaut zurück – regungslos, ausdruckslos, gnadenlos. Ich fahre an. Er sitzt da, reglos. Der Kopf dreht sich beim Nachschauen mit dem wegfahrenden Wagen mit. Ich drehe mich kurz vor dem Zauneck noch einmal um, nur um den letzten Brandpfeil auch noch abzukriegen. Das Fegefeuer lodert in mir!

Dann, bei der Rückkehr: Herr Titus empfängt mich mit wildwedelndem Po, Ohren angelegt, das Kopferl im „ich-bin-doch-noch-fast-ein-Welpi“-Shape und haut sich dann gleich mal auf den Rücken für eine angemessene Begrüßungsknuddelei.

Ich bin erleichtert. Keine Spur von Anklage mehr in seinen Kastanienaugen – alles vergeben, vergessen! Trotzdem: morgen gehen wir extra lang zum Tümpel, versprochen! Denn wer so große Schuld auf sich lädt, muss auch Sühne leisten! 🐾😅😆 #schlechtesgewissenmachenkannich #herrtitus