TRENNUNGSSCHMERZEN

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Der Herr Titus kommt ja so gut wie überall mit mir hin. Wenn er nicht mit darf, fahre ich dort auch nicht hin. So lautet das Grundgesetz, mit nur einer Handvoll Ausnahmen wie Arzt oder Bandprobe.

Kürzlich hatte ich einen Auftrag für einen Workshop. Laut Seminarhotel-Webseite dürfen Hunde mit, allerdings nicht in den Speisesaal. Zwei Tage vor dem Einsatz dann die Info, dass Hunde „im Seminarraumbereich auch nicht erlaubt sind“… Oh Mann! Jetzt dem Kunden absagen? Unmöglich. Krank sein vortäuschen? Mach ich nicht. Auswandern nach Übersee? Da kann der Herr Titus auch nicht leicht mit…Also entschloss ich mich schweren Herzens, den Buben unter guter Beaufsichtigung daheim zu lassen. Kann ja kein Problem sein, die paar Stunden sind doch schnell vorbei. So lautete das Mantra, das ich mir die nächsten beiden Tage permanent vorsagte.

Als der Wecker mich am Seminarmorgen aus dem Schlaf riss, blickte ich wie immer als Erstes zum Hundenest hinüber. Herr Titus lag besonders entzückend da. Eingerollt wie ein schwarzes Croissant, das Kopferl auf ein Ohr gebettet tief im Flausch versenkt, die Pfoten adrett parallel. Ich krabbelte schweren Herzens aus dem Bett und begann mich ohne morgendliche Knuddeleinheit leise anzuziehen. Besser er bekommt gar nicht erst mit, dass ich …Denkste. Das Klimpern der Gürtelschnalle – schon klickerten Krallen im Flur und der Kleine lugte um die Ecke. Als ich ihn begrüßte, gähnte er herzhaft, ließ sich direkt vor dem Stiegenabgang in Sphinxhaltung nieder und fixierte mich. Klare Botschaft: Du gehst? Super, ich komme mit!

Ich vermied weiteren Blickkontakt, packte die Laptoptasche und lief hinunter. Herr Titus im Bodyguardmodus direkt neben mir. Als ich die Schuhe anzog, grinste er mich schwanzwedelnd in freudiger Erwartung eines neuen gemeinsamen Abenteuers an. Ich schluckte, zog das Sakko an, nahm den Schlüsselbund, öffnete die Türe. Herr Titus schlüpfte mit hinaus und lief mit mir zum Gartentor.Ich kratzte meinen Mut zusammen: „Titus, ich gehe jetzt zum Auto, du bleibst.“

Bamm! Das Licht der Begeisterung in den Nutellaaugen wich ungläubigem Verstehen und einem Mix aus Nicht-dein-Ernst und fahr-nur-wirst-schon-sehen-was-du-davon-hast. Mit dem in meinen Rücken gelaserten Urteil „Schuldig in allen Punkten“ fuhr ich los. Herr Titus hatte sich unter den Essigbaum gelegt, von wo er mir bis zum Horizont anklagend nachsah.

Typische Labiübertreibung, sagte ich mir, wird doch nicht so schlimm sein wegen der paar Stunden…

Was soll ich sagen? Es war nicht so schlimm. Bei der Fahrt dachte ich läppische vier- bis sechshundert Mal an ihn. Beim Seminar baute ich lediglich neun Mal Hundemetaphern ein und beim Mittagessen zeigte ich maximal ein Drittel meiner 3000 Titus-Fotos am Handy her.😅🙄

Dann die Rückfahrt. Ich hätte den lahmen Traktorfahrer erschießen sollen, statt mit ein paar Leidensgenossen hinter ihm her zu zuckeln und mindestens 3 (!) Minuten auf der 1,5 h langen Fahrtstrecke einzubüßen. Dann war ich endlich zurück. Mein Blick scannte sofort den Garten. Und da stand er schon, der Herr Titus. Er strahlte mich an, wedelte, dass der ganze Po nur so hin und her wackelte; trippelte mit leicht gesenktem Kopf und angelegten Ohren auf und ab, bis ich endlich das Gartentor aufhatte.

Ich kauerte mich zu ihm hinunter, knuffte, puffte, herzte und streichelte ihn, während er um mich herumhopste. „Hey Junge“, murmelte ich. „Hab dich nicht so. Waren doch nicht schlimm, die paar Stunden, oder?“ 🐾🖤😅#herrtitus