WEIHNACHTSKEKS

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Der Herr Titus begeht seine zweiten Weihnachten. Beim ersten Mal half er selbstlos jedem Geschenke auszupacken, der Hilfe benötigte. Und auch jedem, die keine benötigt hätte. Zuvor hatte er natürlich seine eigenen Packerln formverändert und Inhalt und Verpackung strategisch im Wohnzimmer verteilt. Heuer würde es wohl nicht anders sein, wohl aber hatten wir diesmal eine Mission…

Da gibt es nämlich diesen alten Herrn, der jeden Morgen die gleiche Runde im Wald geht. Das Besondere an dem Mann für Herrn Titus: Er hat stets ein paar Hundekeks in den ausgebeulten Taschen der blauen Arbeitsmontur, die er jahrein, jahraus trägt. Die teilt er dann nach Erlaubniseinholung zeremoniell in mehrere Stückchen und lässt sie sich einzeln vom zartem Labimaul aus der Hand nehmen.

Das Besondere an dem Mann für mich: Er geht in der Früh am Waldrand auf und ab und sobald er uns sieht, kommt er her, grüßt freundlich, und sagt dann: „Na, heute isses schön da in der Natur. Schad´, dass ,die meine‘ nimmer mit gehen kann.“

Ich hatte eine Zeitlang gebraucht, um herauszufinden wer „die meine“ war. Und seit ich es dann wusste, hatte ich immer einen Kloß im Hals, wenn ich daran dachte. Der Mann spricht von und mit seiner vor einigen Jahren verstorbenen Frau. Und damit war mir auch klar, dass er die Hundesnacks nur mithat, um mit Hundebesitzern und deren Fellkumpels ins Gespräch zu kommen, weil er total einsam ist…

Heuer wollten Herr Titus und ich das Stocki umdrehen – ausgerüstet mit einem „Herr Titus“-Buch, einem Päckchen Weihnachts(menschen)keks und einem kleinen Nussschnapsflascherl trieben wir uns früh am Morgen beim Waldrand umher, bis unsere Zielperson endlich auftauchte, auf dem gefrorenen Laub bei jedem Schritt knirschend.

Herr Titus lief ihm entgegen, wedelte wild und ließ sich streicheln und knuddeln. Dann kam der Mann näher und grüßte. Ich wartete auf sein Sprücherl von der Natur und der „seinen“ – doch diesmal gab er Herrn Titus gleich den obligaten Hundesnack und sagte nur lächelnd: „Heute ist ein besonderer Tag.“

„Das stimmt“, antwortete ich.

„Die meine hat heute Geburtstag“, ergänzte er.

„…“

„Die Leut´ glauben ja, ich spinne. Nur weil ich mit der meinen immer noch rede. Ich weiß eh, dass sie nimmer da ist. Also bei mir im Haus. Da drin ist sie schon“, sagte er und deutete auf seine Brust.

„Heute ist ein besonderer Tag“, wiederholte der Alte, nickte mir zu, drehte sich unerwartet ruppig um und marschierte los.

„Das finde ich sehr schön“, druckste ich berührt heraus.

Ich räusperte mich und rief ihm nach: „Frohe Weihnachten“. Er winkte über die Schulter und marschierte weiter Richtung Friedhof, der am Ende dieses Waldweges liegt.

Ich gab dem Herrn Titus die Tragegriffe des kleinen Stoffsäckchens mit dem Geschenkkram ins Maul, zeigte auf den alten Mann und gab das Kommando „Brings!“.

Herr Titus sah mich kurz an (ich betete zu allen Weihnachtsengeln, dass er seine Beute jetzt nicht totschütteln wollte…). Nach ein paar Momenten aber lief er los, holte den Alten ein und stellte sich ihm in den Weg. Der Mann blieb stehen, Herr Titus ließ das Säckchen fallen (Oh Mann, die Kekse…!😱)

Während ich näherkam, hob der Alte den Beutel auf, sah erst hinein und dann mir durch seine dicken Brillengläser in die Augen. Ich lächelte ihn an und sagte: „Frohe Weihnachten!“.

Der Mann wandte den Blick ab, schaute ein paar Sekunden in die Ferne, und gab dann gedankenverloren dem Herrn Titus, der vor ihm saß und artig wartete, noch einen Keks aus der Tasche. Dann nickte er und sagte: „Ja, heute ist ein besonderer Tag.“

Ich sah ihm nach, wie er davon knirschte und sagte dann zu Herrn Titus: „Stimmt. Heute ist ein besonderer Tag.“ 🐾🖤🙂🎄