WERWOLFSBRÜDER

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Der Herr Titus geht gerne in der Nacht spazieren. Wobei – er geht immer gerne spazieren. Aber halt auch zu Zeiten, wo die Stille den Vorsitz hat, wo andere Hunde längst neben ihren Menschen schlafen. Wo nur Katz und Marder über die Straße huschen und außerhalb der gelborangen Laternenlichtkreise schnell im Schatten eines Autos oder einer Gartenmauer verschwinden.

Manchmal, wenn ich nicht schlafen kann, stecke ich mit der Ruhelosigkeit natürlich auch den Herrn Titus an (der grundsätzlich ja ein begnadeter Schlafhalter in Ruhezeiten ist). Und dann beschließe ich gerne, statt mich noch lange herumzuwälzen, eine kleine Nachtrunde zu drehen. Herr Titus spürt mein Vorhaben: ehe ich noch Anstalten mache, aufzustehen, hebt er sein schwarzes Kopferl mit einem Ruck und starrt mich im Halbdunkel des Schlafraumes an.Richtig vermutet, mein Junge, denke ich und lächle in seine Richtung. „Hey, gehen wir spazieren?“, frage ich ihn leise. Mit einem Satz springt er auf, eine schnelle Dehnung der Hinterläufe, ein herabschauender Hund für die vorderen, dann heißt es schon Marschgepäck geschultert, Nachtsichtgerät bereit …

In den folgenden Minuten steht er mir dann beim Ankleiden dezent im Weg bzw trippelt mit schlecht verhohlener Ungeduld zwischen Haustür und seinem Schuhe anziehenden Menschen hin und her.Dann, endlich – ich öffne die Tür, er läuft zum Gartentor. Ich schnalle ihm sein Leuchtband um, überlege kurz welche Farbe ich einstellen soll … ja, teufelsrot passt gut zur Vollmondnacht. Und schon sind wir auf der Gasse. Um diese Zeit gehen wir natürlich nicht wie gewohnt in den Wald, sondern patroullieren durch die Siedlung.

Herr Titus ist in der Nacht ganz anders unterwegs als bei Tageslicht. Aufmerksamer, angespannter, weniger gelassen. Zielstrebig peilt er Schnüffelstellen an, guckt in dunkle Gärten, wo geheimnisvolle Geräusche und interessante Düfte seine Sinne anregen. Regelmäßig blickt er sich nach mir um. Wenn ein Autoscheinwerfer das Dunkel zerschneidet, brauche ich ihn kaum zu rufen, ein Zungenschnalzer, gut hörbar in der Stille der Nacht, und er trottet zu mir und dreht bei.

Ich verstecke hie und da ein Leckerli auf einer Gartenmauer, das ist aber mehr ein Bonus, den er gar nicht bräuchte. Denn die Nachttour ist aufregend genug. Heute gehen wir durch das schlafende Zentrum. Vor dem Dorfcafe bleibt Herr Titus unschlüssig stehen, als ob er überlegen würde, einen kleinen Schlaftrunk an der Bar zu nehmen – dann aber strafft er sich und ist gleich wieder im Dienst. Schließlich ist so eine Mitternachtsrunde eine ernstzunehmende Angelegenheit. Ich folge meinem persönlich zugewiesenen Werwöflein lächelnd und beschließe, ihn an einem der ersten Frühlingstage im Gastgarten des Dorfcafes auf ein paar Stück Käse einzuladen.